Top oder Flop? Heizen mit Strom – macht das überhaupt Sinn?

Rick Simon
28. Juli 2017

Schwierigkeiten bei der Potenzialabschöpfung

Eine Kilowattstunde Strom kostet das Dreifache einer Kilowattstunde Gas. Wer also für ein energetisch wenig effizientes Gebäude entsprechend viel Heizenergie benötigt, wird mit einer Stromheizung, wie es scheint, wenig Freude haben. Hier gilt es die benötigten Wärmemengen möglichst günstig zu beziehen.

Allein aus diesem Wissen heraus könnte man sich beim Bau des neuen Eigenheims eigentlich sofort für eine Gasheizung entscheiden. Die Hälfte der deutschen Bauherren handelt auch entsprechend. Vor 15 Jahren lag dieser Wert allerdings noch bei knapp 80 Prozent. Mittlerweile werden Fernwärme bzw. Wärmepumpen in 20 Prozent der Neubauten eingesetzt. Festzuhalten ist: Der Trend zum Einsatz von Wärmepumpen für Heizzwecke ist deutlich erkennbar. Ähnliches gilt wohl auch für die Installation von rein elektrischen Heizungen. Deren Anteil hat sich von 2014 auf 2015 – wenn auch auf niedrigem Niveau – verdoppelt.

Heizwärmebedarf sinkt drastisch und verändert auch das Heizkostensparen

Ganz einfach: Ein Haus, das vor 15 Jahren gebaut wurde, verbrauchte damals noch rund 100 kWh/(m²·a) an Heizenergie. Mittlerweile werden 44 Prozent aller Wohnhäuser über das Programm „Energieeffizient Bauen“ der KfW gefördert.

Diese rund 100.000 Wohneinheiten, die jedes Jahr von der Förderung profitieren, haben einen Heizwärmebedarf von gerade einmal 30 kWh/(m²·a).

Was bedeutet das für unsere Heizkosten?

Beispielrechnung für ein KfW-Effizienzhaus 55

Wenn wir lediglich 30 kWh/(m²·a) an Heizenergie benötigen, kostet uns die Beheizung eines Gebäudes mit 120 Quadratmeter Wohnfläche über eine elektrische Infrarotheizung rund 830 Euro im Jahr. Weitere Kosten fallen dabei nicht an.

Darüber hinaus wird der Strompreis noch günstiger, wenn wir größere Mengen einkaufen. Um diesen Wert mit den entsprechenden Heizwerten einer Gasheizung zu vergleichen, müssen wir Wirkungsgrad-, Leitungs- und Speicherverluste einrechnen. Gehen wir hier von einer Gesamtsumme von rund 15 Prozent aus, dann liegen die Gaskosten bei rund 300 Euro im Jahr. Hinzu kommen Stromkosten für Pumpen und die Heizungssteuerung – ca. 65 Euro jährlich. Der Schornsteinfeger möchte 45 Euro, dazu ist eine Wartung unbedingt zu empfehlen (180 Euro im Jahr). Und nach zwanzig Jahren wird auch ein neuer Kessel fällig. Nehmen wir an, dieser würde um die 3000 Euro kosten, dann müsste man zusätzliche 150 Euro per annum einrechnen. In der Summe kommen wir also auf etwa 740 Euro. Heißt: Eine Gas-Brennwertheizung spart uns etwa 90 Euro pro Jahr. Nur: Haben wir da nicht etwas vergessen?

Vergleich von elektrischer Infrarotheizung und Gas-Brennwertheizung

Zunächst vergleichen wir die Investitionskosten der beiden Heizanlagen

Anlagenteil

elektrische Infrarotheizung

Gas-Brennwertheizung

Heizwasserbereitungnicht notwendig4.500
Warmwasserbereitung1.000bereits vorhanden
Schornsteinnicht notwendig1.600
Hausanschlussbereits vorhanden

2.000

Heizflächen6.0006.000
Solaranlage5.5005.500
Gesamtkosten12.500

19.600

Bei den Investitionskosten stellt sich die elektrische Heizanlage um 7.100 Euro und somit 36% günstiger im Gegensatz zur Gas-Heizung heraus. Nachdem die Investitionskosten allein für einen Vergleich nicht ausreichend sind, müssen jetzt noch die Betriebskosten (inkl. Warmwasser) gegenüber gestellt werden. Damit anschließend auch verglichen werden kann, welche Heizung auf die angenommene Gesamtbetriebszeit günstiger ist.

Jährliche Kosten

elektrische Infrarotheizung

Gas-Brennwertheizung

Energie HZ830300
Hilfsenergie HZ045
Hilfenergie therm. Solar      020
Wartung0180
Schornsteinfeger045
Abschreibung0150 (Kessel 20 Jahre)
Energie WW375200
Gutschrift Eigenerzeugung-425-120
Gesamtkosten pro Jahr    780820
Ertrag durch Einspeisung 2760

Wie kann das trotz des teuer zugekauften Stroms sein?

Überraschender Weise ist auch hier das elektrische Heizen – um rund fünf Prozent – günstiger

1. Pauschale Kosten für Instandhaltung und Hilfsenergie für Steuerungen und Pumpen entfallen.

2. Die klassische Brauchwassererwärmung ist sehr verlustreich und beansprucht daher mindestens doppelt so viel Energie, wie wir tatsächlich in Form von warmem Wasser nutzen. Ein elektrischer Durchlauferhitzer hat hingegen fast keine Energieverluste.

3. In einem Haus mit elektrischer Heizung gibt es faktisch nur noch einen Energieträger: Elektrischen Strom. Mit einer PV-Anlage können wir diesen nicht nur selbst erzeugen, sondern auch für alle Heizprozesse nutzen. Somit deckt die PV-Anlage jeweils 35 Prozent der Heizenergie und der Heizkosten ab. Eine thermische Solaranlage zur Brauchwassererwärmung bringt es hier gerade einmal auf 24 Prozent der Heizenergie und lediglich 13 Prozent der Heizkosten.

Fazit

Wer ein Wohnhaus neu errichtet und die Möglichkeit hat eine PV-Anlage auf dem eigenen Dach zu nutzen, findet in der elektrischen Infrarotheizung eine innovative, komfortable und günstige Lösung. Die Investitionskosten sind 36% geringer als bei einer Gasbrennwertheizung, die Betriebskosten 5% geringer als bei einer Gasbrennwertheizung.

Einen Nachteil der elektrischen Heizung möchte ich jedoch nicht unerwähnt lassen. Die Nutzung von Strom zu Heizzwecken ist in den KfW-Programmen schlechter gestellt als die von Erdgas. Folge ist eine notwendige Erweiterung der Dämmmaßnahmen, um die Effizienzhauskriterien der KfW für ein solches Heizsystem zu erfüllen. Zudem können höhere Kosten bei der Begutachtung des KfW-Sachverständigen anfallen, da eine detaillierte Wärmebrückenberechnung und ein Luftdichtheitstest des Gebäudes fast zwingend notwendig werden. Die Kosten hierfür liegen bei circa 1.500 Euro. In keinem Fall werden die Mehrkosten die um über 7.000 Euro geringeren Investitionskosten aufbrauchen.

Die Nutzung des selbst erzeugten Stromes begrenzt sich auch nicht nur auf die Heizung. Würde, mit Ausnahme der Heizung, kein weiterer Strom selbst genutzt, würden ca. 276 Euro im Jahr (12 Cent/kWh) ausgezahlt. Nutzt man weiteren Strom selbst, wird man entsprechend unabhängiger von den Strompreisen jenseits von 25 Cent/kWh. In diesem Fall ist der Effekt also noch weit größer.